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GERECHTIGKEIT

Interview mit Christine Lehner   
 
 
B: Christine studierte an der Uni Zürich Jurisprudenz, machte danach das Anwaltspatent und arbeitete 4 Jahre in einem Anwaltsbüro. Christine, wie wird im Rechtswesen Gerechtigkeit definiert?

C: Absolute und objektive Werte gibt es im Recht gar nicht. Das zeigt sich schon daran, dass in unterschiedlichen Ländern verschiedene Rechtsordnungen gelten. Zum Beispiel: Ehebruch. Bei uns in der Schweiz ist das kein Delikt mehr. In anderen Ländern kann man deswegen zum Tode verurteilt werden.

B: Heisst das, dass wenn ich vor einem Richter stehe, ich nicht mit der absoluten Gerechtigkeit rechnen kann?

C: Nein, wenn man in der Schweiz vor Gericht steht, darf man wohl damit rechnen, dass der Richter auf Grund der geltenden Rechtsordnung gerecht urteilt. Aber das ist immer eine Gerechtigkeit im Rahmen des geltenden Gesetzes.

B: Also muss ich mit Einschränkungen rechnen. Kannst du ein Beispiel von einer Person erwähnen, die mit Einschränkungen der Gerechtigkeit umgehen musste?

C: Ich habe ein Beispiel am Bezirksgericht Zürich erlebt, das mich persönlich traurig gestimmt hat. Da war eine ältere Frau, die ein Scheidungsverfahren durchmachte. Sie sagte, dass sie ihren Mann noch liebte, dass sie sich nicht scheiden lassen wolle. Er aber wollte die Scheidung. Es war davon auszugehen, dass er die Scheidung wegen einer jüngeren Frau wollte. Sie willigte in die Scheidung ein, um eine Kampfscheidung zu umgehen. Sie gab sich auch mit relativ bescheiden finanziellen Ansprüchen zufrieden. Ich empfand, dass dieser Frau Unrecht angetan worden war, obwohl die Richter auf Grund des Gesetztes gerecht geurteilt hatten.

B: Entspringt die absolute Gerechtigkeit also einem Wunschdenken des Menschen?

C: Ich denke, dass der Mensch sich nach Gerechtigkeit sehnt. Von mir selbst dachte ich, dass ich gerecht sei. Ich bin katholisch aufgewachsen und habe mich mehr oder weniger an Gottes Gesetze gehalten. Aber mit 19 Jahren habe ich realisiert, dass ich vor Gott nicht gerecht war, dass ich schon gelogen hatte, Menschen Unrecht getan, gespottet hatte. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich nur in Jesus Christus, der für meine Schuld gestorben war, gerecht sein kann. Mir wurde durch ihn seine Gerechtigkeit zuteil.

B: Danke Christine für das Gespräch.

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