B:
Ich freue mich ein Gespräch mit Ruth Jost führen zu dürfen. Ruth, du hast mit 40 Jahren deinen Ehemann verloren. Er war selbst erst 43 Jahre alt und ihr hattet drei Söhne im Alter zwischen 6 und 12 Jahren. Er starb dann relativ schnell, nämlich innerhalb 9 Monaten. Was war geschehen?
R: Wir waren während 4 Jahren in Peru als Missionare und kamen voll Freude zurück in die Schweiz in den Urlaub. Nach kurzer Zeit wurde er krank und bald fand man heraus, dass er Krebs hatte. Damals vor 30 Jahren war diese Art Krebs noch nicht behandelbar. So mussten wir zuschauen, wie er immer schwächer wurde und dann starb.
B: Ihr seid ja beides gläubige Christen. Habt ihr auch gebetet, gar an ein Wunder, ein Eingreifen Gottes geglaubt?
R: Das haben wir schon. Wir haben wirklich gebetet. Auch die Gemeinde stand hinter uns und überall, wo wir Bekannte hatten, wurde gebetet. Und trotzdem konnten wir keine Veränderung sehen.
B: Hast du da manchmal an Gott gezweifelt und an seiner Fürsorge für dich und deinen Mann?
R: Eigentlich nicht. An Gott habe ich nicht gezweifelt. Aber ich konnte es nicht verstehen. Warum lässt Gott so etwas zu, dass ein junger Familienvater, mitten aus dem Leben herausgenommen wird und auch weg von der Arbeit ? wir wollten ja nach einem Jahr wieder zurückgehen aufs Missionsfeld ? das kann man schon nicht so einfach verstehen.
B: Darf man als Christ auch wirklich traurig sein? Man glaubt ja an ein Weiterleben nach dem Tod.
R: Man erlebt Trauer ganz real und das steht ja nicht im Widerspruch zum Weiterleben nach dem Tod. Der Verlust war ja da: der Verlust von meinen Ehepartner, für die Kinder auch der Verlust ihres Vaters. Trotzdem wussten wir auch an der Beerdigung - und auch die Kinder wussten das : Vati ist nicht irgendwo, sondern im Himmel bei Jesus. Das war Gewissheit.
B: Eine Trauerverarbeitung geht also besser, wenn man den Glauben hat, dass man sich in der Ewigkeit wiedersieht. Dennoch braucht es einen Heilungsprozess. Wie lange dauerte der bei dir?
R: Der Heilunsprozess dauerte etwa ein Jahr. Da hatte ich natürlich Aufs und Abs. Ich denke, das ist ganz normal. Manchmal ging es besser und manchmal vemisste ich ihn enorm. Besonders als wir gerade frisch zurückkamen von der Schweiz und ich dann auch noch die Kinder wegbringen musste in die Schule, da war die Leere sehr, sehr gross.
B: Hast du da einfach gebetet und dann wurde dir geholfen oder musstest du auch andere Hilfe in Anspruch nehmen?
R: Ich habe durch das Gebet viel Hilfe empfangen. Die Lücke, das ich niemanden um mich hatte, den ich lieben konnte, konnte ich sehr gut ausfüllen mit den peruanischen Kindern. Wir hatten ein grosses Internat mit 50 bis 60 Kindern. Sie alle lechzten nach Liebe. So gab ich ihnen diese Liebe und ich freue mich heute immer noch, dass ich das tun konnte.
B: Heute gibst du unter anderem Seminare zur Sterbebegleitung. Warum? Wurde dir das ein besonderes Anliegen durch den Tod deines Mannes?
R: Ich war damals ins Wasser geworfen worden mit dem Sterben meines Mannes, mich hatte niemand vorbereitet. Ich musste einfach Tag für Tag das tun, was ich für richtig empfand. Wir mussten uns auch gegenseitig trösten. Ich denke, dass daraus auch der Mut kam oder das Können vielleicht auch, über den Tod zu sprechen. Es ist mir ein Anliegen, dass andere nicht so unvorbereitet so etwas erleben müssen, sondern dass sie ungefähr wissen, was man eben lernen kann und wissen sollte.
B: Bist du selbst auf deinen eigenen Tod vorbereitet?
R: Ja, das bin ich. Ich freue mich auf mein Sterben, weil ich weiss, dass auf dieser Erde etwas abgeschlossen wird und meine Hülle ins Grab geht. Aber meine Seele und mein Geist leben weiter und ich gehe zu Jesus. Ich möchte mit
Paulus sagen: "Ich habe Lust abzuscheiden und beim Herrn zu sein."
B: Danke Ruth für das Gespräch